Microsoft ist gegenwärtig aus dem Rennen um das extrem explosive mobile Internet. Windows Mobile 6.5 gefällt eigentlich keinem Menschen und fühlt sich seit Erscheinen des iPhones und den späteren Android-Handies einfach sehr alt an. Viel zu alt.
Jetzt zeichnet sich ein wenig deutlicher die kommende Version 7 am Horizont ab. Engadgets ausführliche Preview von Windows Phone 7 gibt detailliert Auskunft über den aktuellen Stand. Meine Einschätzung zu den dort überschwenglich geschilderten Features fasse ich hier zusammen.
Microsoft auf neuen Wegen
Ich bin nun wirklich kein Freund Microsofts. Mit bestenfalls mittelmäßiger Software eine ganze Industrie und deren Nutzer als Geisel zu halten, schafft eben keine Freunde.
Ich finde es bemerkenswert, dass Microsoft versucht, radikale Schritte zu gehen und am extrem reduzierten Oberflächen-Design von Windows Phone festhält. Es ist bei Microsoft zwar Usus, schöne Oberflächen in den Betas zu haben und die Käufer mit dem Release dann mit einem anderen, deutlich weniger attraktivem Design zu “beglücken” (z.B. UI von Windows XP, Teletubbies anstelle Watercolor), oder attraktive Features zu entfernen (WinFS bei Vista), aber das war meistens zu erwarten. Schließlich lebt Microsoft davon, die eher konservativen Nutzer und Business-Kunden bei der Stange zu halten und nicht zu verschrecken. Da reichte es eben, ein wenig anzugeben, ohne dann das versprochene auch wirklich zu liefern. Sie waren am Anfang der Nahrungskette. Das hat sich jetzt geändert.
Radikale Ansätze
Microsoft will mit Apple konkurrieren. Klar, auch mit Google. Aber dafür würde ein konventionelleres UI-Design reichen. Nein, Microsoft will in die App-Economy von Apple einbrechen, um wieder einen Hebel zu haben, die Nutzer an Windows, dem Dreh- und Angelpunkt des Microsoft’schen Monopols, zu binden. Und das geht eben nicht mit altbackenem und weniger aufregendem Design.
Ich frage mich nur, ob das reduzierte Design die Massen ansprechen wird. Ich mag die neue “Metro” Oberfläche optisch jedenfalls, da ich reduziertes Design mag, glaube aber, dass die meisten es als langweilig empfinden werden. Aber was die Benutzung der Oberfläche angeht, habe ich vollstes Vertrauen in Microsoft, dass sie es wieder versauen werden. Business as usual eben. Man beachte die wabernden und hüpfenden Übergänge, die absichtlich integriert worden sind. Das Scrolling ist ansonsten nämlich butterweich:
Ein verlorener Kampf? Kompatibilität ade!
Microsoft kämpft auf fast verlorenem Posten. Das Internet hat gewonnen, Microsoft verloren. Kompatibilität bedeutet heutzutage, dass es im Browser funktioniert. Und damit hat Microsoft den Großteil seines Monopols verloren. Computer sind keine Büroarbeitsgeräte mehr. Vielmehr sind es Geräte des täglichen Lebens geworden. Und da gelten die historischen Gesichtspunkte Kompatibilität zu irgendwelchen Anwendungen nicht mehr.
Lange hat Microsoft versucht, durch aktives Bremsen der Browser-Entwicklung einer weitere Stärkung des Internets entgegen zu wirken. Man denke nur an die unsäglichen Versionen des Internet Explorers, die alles konnten, nur keine Webseiten standardkonform darstellen.
Preissensitiven Menschen ist es fast egal, was sie nutzen. Hauptsache es ist günstig. Und vielen jungen Menschen ist der Coolness-Faktor und damit verbundene Status wichtiger. Internet ist cool. iPod ist cool. iPhone ist cool. Apple ist cool. Und damit sind alle Weiche von Microsoft weg gestellt. Viele wandern zu Apple ab. In diesem Sog wächst die Erkenntnis, das Microsoft nicht mehr das Maß der Dinge ist. Und Google tut ein Übriges dazu.
Details hierzu in Microsofts Abstieg vom Olymp in die Bettelgasse.
Windows Phone 7 auf neuen Wegen
Das deutlichste Zeichen einer Veränderung ist die Optik. Nichts erinnert mehr an Windows auf dem Desktop. Microsoft schlachtet die heilige Windows-Kuh. Die Produktzugehörigkeit verblasst. Windows tritt in den Hintergrund.
Auch gibt es einen neuen Namen: Windows Phone 7. Schon komisch. Alle anderen gehen sprachlich von der Einschränkung Phone weg (iPhone OS wurde zu iOS), Microsoft geht von dem generischeren Mobile zu Phone. Frischer macht es das Microsoft-Telefon auf jeden Fall nicht, zumal die Versionsnummer beibehalten wird.
Kein Flash, kein Silverlight
Die aktuelle Preview stellt weder Flash noch Silverlight zur Verfügung. Adobe wird natürlich alles tun, damit Flash auf diesen Telefonen läuft, um die schwindenden Marktanteile von Flash Apple gegenüber zu stabilisieren. Microsoft hingegen hat wohl ein starkes Interesse gleiches für Silverlight vorzunehmen. Bei der aktuellen Entwicklung von HTML 5 und CSS 3 stellt sich die Frage, ob es dafür nicht zu spät ist.
Von Microsoft integrierte Services
Microsoft hat natürlich die eigenen Dienste integriert. Es gibt den Zune-Store für Musik, den Xbox Live Store für Spiele und natürlich einen App-Store, der Marketplace genannt wird. Spiele und Musik haben zwar auch ihre Kategorien im Marketplace, verlinken aber nur die einzelnen Stores.
Zusätzlich versucht Microsoft mit einer aufgebohrten Bing-Maps-Variante mit erweiterter Suchfunktionalität zu Punkten. Es werden allerdings keine weiteren Dienste in die Map eingebunden, sodass sich der Mehrwert in Grenzen hält.
Enge Facebook-Integration
Was sich jetzt erstmal für viele Facebook-User gut anhört, erweist sich als schwierig. Nach Konnektierung von Facebook werden sämtliche Daten wie Freunde und deren Kontaktdaten und auch alle Bilder aufs Telefon übertragen. Einfluss hat man darauf nicht.
Wirtschaftlicher Erfolg
Windows Phone 7 soll im Spätherbst in den USA auf den Markt kommen, damit es mit ins Weihnachtsgeschäft rutscht. Das hatte Microsoft doch schon mal mit dem Zune Player versucht. Hatte aber nichts gebracht. Keinen hat’s interessiert.
Interessant wird sein, auf welchen Märkten es verfügbar sein wird. Zune und KIN haben es nicht geschafft. Sollte auch WP7 keine größeren Käuferschichten und/oder Handyhersteller begeistern, wird die Luft verdammt eng für Microsoft. Samsung als treuer Weggefährte, der für jede noch so uninteressante Plattform entwickelt, wir sich sicherlich mit ein paar Geräten erbarmen. Wahrscheinlich mit kräftiger (finanzieller) Unterstützung Microsofts. Manchmal wirkt Samsungs Produktstrategie wie eine Schrotflinten-Taktik. “Irgendwas erlegen wir schon.”
Insbesondere muss Microsoft die Frage beantworten, warum Windows Phone 7 Android gegenüber einen Vorteil bringt. Und das dürfte schwierig werden.
Verbrannte Erde
Kleinere Hersteller werden sich auf jeden Fall eher Googles Android zuwenden. Microsoft hat im Jahre 2002 mit ihrem damaligen Heilsbringer SmartPhone 2002 aktive unabhängige Hersteller wie Sendo kalt auflaufen lassen, indem sie andere Partner wie HTC bevorzugt behandelt haben, sodass es für Sendo wirtschaftlich keinen Sinn mehr machte, mit Microsoft als “Partner” zusammen zu arbeiten. Und das Sendo-Phone sah damals vielversprechender aus, als die Geräte von HTC.
Fazit
Microsoft wird es schwer haben. Aber ich bedauere es nicht.
(Fotoquelle: Engadget)
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