Es gab viele Meinungen zur diesjährigen next. Die meisten, die ich wahrgenommen habe, waren eher negativ. Warum?
Der Spagat
Die next versucht einen Spagat zwischen der eher langweiligen und konservativen Businesswelt und der schnellen und aufregenden “Internet-Avantgarde”. Ein sehr schwieriges Unterfangen. So etwas klappt nur, wenn ganz deutlich im Vorwege die Inhalte der einzelnen Talks entsprechend gekennzeichnet sind. Und sie dieser Kennzeichnung auch wirklich genügen. Dieses Jahr war es nicht so.
Ich habe mir absichtlich etwas Zeit mit meinem Artikel zur next10 gelassen, um mit etwas Abstand das Erlebte angemessen reflektieren zu können. Ja, ich war enttäuscht. Aber ich habe auch nichts anderes erwartet. Eine Konferenz, die für solche unterschiedlichen Teilnehmergruppen ein gemeinsames Programm erstellen will, scheitert mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit.
Die schwierige Aufgabe des Veranstalters
SinnerSchrader als Veranstalter bzw. das next-Team, welches einen hervorragenden Job bei der Ausrichtung der Konferenz erledigte, braucht die Stärke, auch gegen das persönliche Ego einzelner Sprecher diese in die angemessenen Tracks einzuordnen. Z.B. in einen eigenen Track mit aufregenden Neuerungen und einen mit eher konservativen und für die “Avantgarde” schon “veraltete” Themen. So wird keiner enttäuscht und keiner überfordert.
Ganz wichtig ist ein eigener Track für von Sponsoren gehaltene Vorträge. Diese tendieren nämlich dazu, apothekenpflichtig zu werden, da sie einem starken Schlafmittel gleichen.
Wo waren die Game Changer?
Es gabe welche, sie waren dort. Allerdings verloren sie sich im Fluss der Konferenz. Ein so mächtiges Thema wie “Game Changer” mit hoher Schlagzahl abzuhandeln, kann nicht funktionieren. Es bleibt keine Zeit, diese tief gehenden neuen Konzepte, Ideen und Handlungsweisen zu reflektieren. Oder gar offensiv zu diskutieren. Es blieb immer der Drang, den Talk, die nächste Session, den anderen Track zu besuchen. Ein kurzer “Fireside Chat” nach den Talks wirkte zu förmlich, zu wenig gewollt, zu konform. Einfach zu langweilig.
Irgendwie hat mich die Konferenz nicht mitgerissen, nicht gefordert. Ich bin aus keinem Vortrag mit leuchtenden Augen voller Aufregung gegangen, wie es für das Thema “Game Changer” angemessen gewesen wäre. Nun wird das auch immer schwieriger. Schließlich sind die interessanten Themen schon längst im Internet als Text oder Video online verfügbar. Von der TED-Konferenz gar nicht zu reden. Der Erkenntniswert, den eine Konferenz vermitteln kann, wird immer geringer. Und eine Konferenz mit hohem Business-Anteil kann dies keinesfalls erreichen.
Wie geht es weiter?
Meiner Meinung nach hat die next eine schwere Entscheidung vor sich: Was bin ich? Was will ich sein? Wer soll mich mögen? Weniger Business und mehr Kreativität, Rebellion, Vision? Oder lieber den Fokus auf’s Business mit der Einreihung ins langweilige Glied der anderen deutschen Konferenzen?
Wo ich dem next-Team ein großes Kompliment machen möchte, ist auf jeden Fall die Auswahl des Konferenzleitthemas. Die letzten drei Jahre, bei denen ich auf der next war, hatte Martin Recke immer die brandaktuelle Strömung in Worte gefasst und zum Leitthema erkoren. Die Richtung ist bekannt, an der Umsetzung hapert es. Zu viele Kompromisse. Bis jetzt war die next09 mit großem Abstand die beste Veranstaltung. Sprecher mit neuen Ideen und Leidenschaft halten immer bessere Vorträge als Menschen mit großem Marktanteil ihrer Firmen.
Ich bin gespannt auf die nächste next.
Über den Autor
Michael Nordmeyer, früherer CTO und Mit-Gründer der 13. Stock Online Relations und freiberuflicher Software- und Webentwickler berät und entwickelt Konzepte, Strategien und Lösungen in den Bereichen Social Media, mobilen Apps auf iPhone und iPad und Webanwendungen in Ruby on Rails, Java und .NET (C#).
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