Aktuelle Web-Tauglichkeit von “qualitäts”-journalistischen Artikeln – eine Kurzanalyse

22. April 2010 |  von  |  Web

Einfach mal so wegen eines aus Online-Sicht sehr rückständigen Artikels, der heute veröffentlicht wurde, habe ich mich daran erinnert, dass ich darüber schon länger mal schreiben wollte: die unterbleibende Verlinkung in online veröffentlichten Artikeln des “Qualitäts”-Journalismus.

Viele reden darüber, viele schreiben und schrieben darüber, manche haben es schon aufgegeben. Große Zeitungen verlinken nicht gerne.

Ein aktueller Stand

Wegen Googles aktueller Veröffentlichung von Regierungsanfragen zu Internetseitenlöschungen, die sie im zweiten Halbjahr 2009 bekommen haben, fiel mir diese Unsitte der ausbleibenden Verlinkung besonders auf. Denn ohne die interaktive Karte ist der Artikel nur halb so viel wert.

Google Government Requests

Google Government Requests

Ich habe nicht den Anspruch, einen umfassenden Vergleich anzustellen. Nur wegen des inhaltlich interessanten Themas und der interaktiven Karte, die auf jeden Fall verlinkt werden sollte, hat dieser Artikel eine Existenzberechtigung. Von im Artikel eingefügte Bilder will ich gar nicht erst reden.

The Good

Die Zeit verlinkt viel und gut. Auch die Analyse der Daten ist ganz gut. Nur – Zensur ist etwas anderes. Gemeinhin versteht man unter Zensur Vorzensur. Nachträgliches Entfernen kann Nachzensur sein, muss aber nicht.

Der Spiegel verlinkt den Original-Artikel und hat sogar einen Screenshot von der Karte integriert. Inhaltlich sehr ausführlich und voll beim Thema bleibend. Sehr gute Analyse, aber nur einen Link.

The Bad

Die Süddeutsche verlinkt zwar den Original-Artikel, verarbeitet aber kaum Informationen aus diesem, außer die Aussagekraft in Frage zu stellen und schweift nach der Hälfte des Artikels ab, sodass die Überschrift des Artikels nicht wirklich etwas mit dem Inhalt zu tun hat.

Update

Der alte (obige) Link funktioniert nicht mehr. Im Internet etwas, was einfach nicht passieren darf, da bei fehlender Weiterleitung alte URLs von externen Links nicht mehr zum Zeil führen. Der korrigerte Link.

The Ugly

Die Financial Times Deutschland verlinkt nicht. Zumindest nicht auf dem Inhalt des Artikels zuträglichen Informationen. Sondern nur auf Aktienkurse der erwähnten Unternehmen. Nein wirklich, das ist überaus hilfreich.

Times Online verlinkt gar nicht. Nicht mal eine Link-Box irgendwo auf der Seite, welcher die zum Artikel weiter führenden Links beinhaltet. Inhaltlich haben sie die Aussage der Löschverfügungen nur auf Großbritannien beschränkt und kaum ins Verhältnis zu den anderen Ländern gesetzt.

Warum wird nicht verlinkt?

Leser würden unsere Seite verlassen.

Tausendmal gehört, tausendmal geärgert. Das Web, wie der Name schon impliziert, lebt von Links. Ohne Links kein Web. Ohne Links kommen weniger Menschen auf die Seiten.

Links stören den Lesefluss.

Menschen können sich sehr gut anpassen. Sie sind es seit 15 Jahren gewöhnt, Links in Texten vorzufinden. Nein, Links stören den Lesefluss nicht wirklich. Im Gegenteil.[MN] Sie halten wichtige, weiterführende Information vor.

Diese Argumente gegen Verlinkungen im Text taugen nichts.

Über den Autor

Michael Nordmeyer, früherer CTO und Mit-Gründer der 13. Stock Online Relations und freiberuflicher Software- und Webentwickler berät und entwickelt Konzepte, Strategien und Lösungen in den Bereichen Social Media, mobilen Apps auf iPhone und iPad und Webanwendungen in Ruby on Rails und Java.


8 Kommentare


  1. Zwei Gründe, warum ungern verlinkt wird:

    1. Man gibt nicht gerne zu, dass anderswo noch tiefgründigere und vielleicht weiterführende Informationen vorhanden sind.

    2. Man befürchtet, der Leser bleibt beim verlinkten Medium und kommt nicht mehr zurück.

    Man könnte auch sagen: Wer wenig verlinkt ist eitel und ängstlich.

  2. Grundsätzlich stimme ich dem zu. Allerdings finde ich Textstellen wie “Links stören den Lesefluss nicht wirklich. Im Gegenteil. Sie halten wichtige, weiterführende Information vor.” doch sehr befremdlich und völlig fehl am Platz. Es macht keinen Sinn ein schlechtes Argument mit einem noch schlechtern Gegenargument widerlegen zu wollen.
    “Links halten weiterfohrende Informationen vor” ist nicht das Gegenteil von “Links stören den Lesefluss” und beide Dinge sind voneinander sogar völlig unabhängig. Man kann das eine also nicht mit den anderen widerlegen.
    Ob Links den Lesefluss stören hängt von der gewählten Darstellung ab. Hier muss ein Kompromiss gefunden werden zwischen einfacher Auffindbarkeit (damit man sie nicht übersieht) und nicht zu aufdringlicher Darstellung (damit sie den Lesefluss nicht (zu sehr) stören).
    Außerdem gibt es andere Dinge, die den Lesefluss viel mehr stören als auffällige Links: z.B. wenn man in einem Blog hellgrau auf hellgrau zitiert ;-)

  3. Unfassbar. Werden diese Schutzbehauptungen “Links stören den Lesefluss.” und “Der Leser würde unsere Seite verlassen.” wirklich heute noch angeführt?
    m(
    Gruss, Peter

  4. Viel eklatanter finde ich das Fehlen von Quellenangaben in Printausgaben großer Zeitungen. Artikel schmeißen oft Fakten um sich ohne diese auch nur im Geringsten zu unterfüttern oder zu belegen.

  5. @kerstin Ja, ich weiß. Die hellgrauen Zitate sind ziemlicher Mist. Ich will schon lange ein anderes Theme nutzen, komme aber nicht dazu, eins zu erstellen geschweige denn auszuwählen.

    Werde jetzt wohl mal schnell die Zitatfarbe ändern.

  6. @vollkorn Quellenangaben werden meistens bei Artikeln benutzt, die wissenschaftlichen Anspruch haben. Auch wenn ich gerne solche Angaben in Print-Ausgaben hätte, kann ich in diesem Punkt Zeitungen nicht kritisieren. Der Platz ist beschränkt und ein wissenschaftlicher Anspruch wird nicht erhoben.

    Online sieht es wieder anders aus. Platz ist vorhanden und der Tab mit der Quelle wahrscheinlich auch noch. Schnell copy & paste und die Quellenangabe ist fertig.

  7. Persönlich bin ich ganz und gar kein Fan von übermässigem, man könnte fast sagen “aggressivem” Verlinken, wie man es teilweise auf Blogs beobachten kann (noch häufiger auf Wikipedia), vor allem wenn dort wiederum nur eigene Blog-Artikel verlinkt werden.
    Was ich allerdings noch viel mehr stört sind fehlende Quellenangaben. Das mag im Print – vollkommen nachvollziehbar – allgemein übliche Praxis sein und deshalb wohl auch sehr oft in den Online-Bereich übernommen – hier allerdings völlig fehl am Platz.
    Ich stehe deshalb ein für ein Comeback der guten alten Fussnote! Diese lässt sich nämlich auch online anwenden.

    • @Mani. Also hochgestellte, verlinkte Symbole bzw. Ziffern, die auf das Ende der Seite verlinken, wo dann wieder ein Link steht, der auf die eigentliche Quellenangabe verlinkt? Finde ich umständlich.

      Als Vergleich aus dem Printbereich (Buch) fällt mir dazu ein, dass ich Quellenangaben, die ich nicht gleich vom Titel her einsehen kann, weil sie z.B. nicht unten auf der Seite, sondern erst im Anhang stehen, als extrem nervig empfinde. Ich muss immer blättern. Da online Seiten meistens länger als der darstellbare Seitenausschnitt im Browserfenster sind, kann ich eben auch nicht so schnell auf das Ende der Seite sehen, sondern muss scrollen.

      Nein, ich mag konventionelle Verlinkung im Text. Genau dafür wurde sie auch erfunden. Hypertext eben. Sehr praktisch. Und die Menge und farbliche Gestaltung der Links ist eben genau die Stilfrage, die guten von schlechtem Text unterscheidet.

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